Das Kaisers saubere Kohle

Lea Streisand©

In einem Land lebte ein Volk, das brauchte ungeheuer viel Strom. Zum Heizen und zum Waschen, zum Kochen und zum Einfrieren, zur Fortbewegung und zur Entspannung, ja sogar um miteinander zu reden brauchte das Volk Strom. Im Grunde ging in diesem Land nichts ohne Strom. „Es gibt kein Leben ohne Strom“, sagten die Weisen des Volkes, „Ein Kind erblickt das Licht der Glühbirne und der Tod tritt ein, wenn man die Herz-Lungen-Maschine abschaltet.“

Nun war das Problem, dass der Strom ja irgendwo herkommen musste. „Der Strom kommt aus der Steckdose,“ sagten die Eltern zu den Kindern am Telefon, „deshalb darf man niemals die Finger reinstecken, denn zuviel des Guten ist nicht gesund!“ Und die Kinder nickten und steckten die Finger lieber in den Sahnepudding, der aus der Mikrowelle kam.

Aber die Weisen des Volkes wussten, was hinter den Steckdosen steckte, denn die Weisen kennen den Ursprung der Dinge. Und hinter den Steckdosen waren die Stromleitungen und am Ende der Stromleitungen waren die Kraftwerke und hinter den Kraftwerken war der große Kaiser Wilhelm Fall. Weil Kaiser Wilhelm Fall aber so ein großer Patriarch war, nannte man ihn nur Vater Fall und weil Vater Fall ein beliebter Patriarch sein wollte, ließ er sich gern Vati Fall nennen.

Vati Fall also versorgte sein Land mit Strom. Und weil das Volk immer größer wurde, brauchte es immer mehr Strom. Und Vati Fall ließ neue Kraftwerke bauen. Und weil er so gern beliebt sein wollte, wollte Vati Fall den Strom schön billig machen und deshalb ließ er Atomkerne spalten und Kohle aus der Erde holen und den Dreck pustete man in die Luft oder kippte ihn ins Wasser. Aber die Weisen hoben die Zeigefinger und sagten: „Vati Fall, das ist nicht gut, du machst das Wasser dreckig und die Menschen krank.“ Aber Vati Fall hörte nicht auf sie, sondern baute lieber noch ein Kohlekraftwerk, das zwar viele Menschen krank machte und die Landschaft verschandelte, aber wenn die Leute mehr Strom haben, dachte Vati Fall schlau, können wir bald für jeden eine Herz-Lungen-Maschine anschließen, dann müssen sie auch nicht mehr selber atmen.“
Und die Weisen überlegten sich Windkraftanlagen und Wasserkraftanlagen und Solarzellendächer und Vati Fall schaute und sah, das es gut war, aber eben viel zu teuer und weil er schon eine Revolution der Weisen fürchtete, holte er seine treuesten Minister  zusammen und sagte ihnen Folgendes:

„Wir haben ein Imageproblem“, sagte Vati Fall, „plötzlich wollen die Menschen sauberen Strom haben. Aber weil sie sowieso nicht wissen, wo die Leitungen hinter den Steckdosen hinführen, erzählen wir ihnen einfach Märchen. Das hat schon immer gut funktioniert. Da könnt ihr jeden fragen: Die deutsche Bahn, die SPD, Steven Spielberg… Wir erzählen ihnen, dass wir sauber sind. Sie müssen nur ihre Unterschrift abgeben und schon schützen sie das Klima, das erzählen wir ihnen.“
Und so geschah es. Die treuen Minister bauten eine Internetseite, auf der die Menschen ihre Unterschrift abgeben konnten und entwarfen niedliche orange Püppchen und lustige Animationen, die sich bewegten und Musik spielten, wenn man mit der Maus draufklickte. Und auch wenn kein Mensch verstand, wie Vati Fall es fertig bringen wollte, mit Unterschriften die kahlen Berggipfel der Alpen wieder mit Schnee zu bedecken und mit orange farbenen Männchen den CO2-Ausstoß zu reduzieren, glaubten sie es trotzdem, weil sie es glauben wollten: „Es ist billig“, dachten sie, „und billig ist gut.“

Und dann brannte eine Sicherung durch. Die Lampen gingen aus und die Bildschirme erloschen und die Telefone funktionierten nicht mehr. Und die Kinder zogen die Finger aus dem Sahnepudding und liefen schreiend zu ihren Eltern. Viele Menschen starben, weil die Herz-Lungen-Maschinen versagten und viele wurden gezeugt, weil die Heizungen nicht mehr funktionierten.

Und dann ging den Menschen ein Licht auf. Eine Energiesparlampe natürlich. Und sie sahen, dass Vati Fall saudreckig war und teuer zugleich und sie riefen: „Das ist doch totaler Schwachsinn, Vati Fall! Du bist doch nicht ganz sauber! Hör doch auf, uns solche Märchen zu erzählen!“
Und da hört das Märchen auf.

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