Hänsel und Gretel im Tagebau

von Sabine

Neben einem Braunkohle-Tagebau wohnte ein armer Baggerfahrer mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, Hänsel und Gretel. Sie hatten wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als die großen Konzerne die Preise für Strom abermals erhöht hatten, konnten sie das tägliche Brot nicht mehr kaufen. Wie der Vater sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: »Was soll aus uns werden? Was sollen wir nur tun, wenn die böse Hexe weiter die Dörfer zerstören und die Kohle aus der Erde abbaggern lässt? Bald sind auch Hänsel und Gretel groß genug und müssen für sie schuften. Und ich weiß nicht, wie ich das täglich Brot sonst bezahlen soll.« »Weißt du was, Mann«, antwortete die Frau, »wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Tagebau führen und sie dort verstecken. Dann gehen wir an die Arbeit in der Kohlegrube und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.« »Nein, Frau«, sagte der Mann, »das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Tagebaugebiet allein zu lassen! «
»Oh, du Narr«, sagte sie, »dann müssen wir bald alle viere im Tagebau schuften, und wenn die Strompreise weiter steigen, hungern wir alle vier«, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. »Aber die armen Kinder tun mir doch leid«, sagte der Mann.


Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: »Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen hinaus gehen.“ Sie liefen durch die eintönige, traurige Landschaft des Kohletagebaus hin zu einem aufgeschütteten Kegel aus brauner Kohle. Dort sagte die Frau: „Nun ruht euch aus, ihr Kinder, wir gehen zur Arbeit. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.«
Hänsel und Gretel saßen in der grauen, verlassenen Landschaft des Tagebaus, dort, wo einst viele Dörfer standen, die längst verheizt wurden um Strom zu erzeugen. Als der Mittag kam, sagte Hänsel zu Gretel: »Wir werden den Weg zum Haus zurück schon finden.« Aber sie fanden ihn nicht, zu gleichförmig sah die Landschaft aus, zu groß war die zerstörte Fläche. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Tagebau nicht heraus und waren so hungrig, denn es gab dort keinen grünen Strauch und keine Vögel sangen in der zerstörten Landschaft.
Schließlich kamen sie an ein kleines Häuschen. Als sie nahe kamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Kohlestücken gebaut war, aber die Fenster waren von hellem Zucker. »Da wollen wir uns dranmachen«, sprach Hänsel, »und eine gesegnete Mahlzeit halten. « Hänsel und Gretel stellten sich an die Scheiben und aßen davon. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

»Knusper, knusper, Knäuschen,
Wer knuspert an meinem Kohlehäuschen?”
Die Kinder antworteten:
»Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind«,

Da ging auf einmal die Türe des Häuschens auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam heraus. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: „Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.« Sie fasste beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Drinnen qualmte es scheußlich aus dem Kohleofen. Gretel musste gleich furchtbar husten. „Wer seid ihr?“, fragte Hänsel die alte Frau. „Nennt mich Watafall“, sagte die runzlige Frau.
Die Alte hatte sich aber nur freundlich angestellt, sie war aber die böse Hexe, die alle Menschen verhext hatte. Sie baggerten für sie braune Kohlen aus der Erde. Rings um das Häuschen der Hexe war schon alle Kohle abgebaggert, um sie zu verheizen. Einst hatte so weit das Auge sah Wald gestanden, aber nun war alles dem Erdboden gleich gemacht und in der Tiefe ausgebaggert. Dicke Schwaden von Rauch standen tagein, tagaus über der schmucklosen Landschaft und alle Menschen aus der Umgebung bekamen schlimmen Husten.
Hänsel und Gretel wussten nicht ein noch aus, was sie tun sollten. Schließlich legten sie sich schlafen und hofften, am nächsten Morgen fliehen zu können. Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand aber die Hexe Watafall schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: »Die werden gut für mich schuften.“ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: »Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll kräftig werden. Wenn er kräftig ist, so kann er für mich Kohlen aus der Erde baggern.« Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie musste tun, was die böse Hexe verlangte.
Hinter dem Häuschen der Hexe war ein großes Gewässer. Einst war hier ein lustiger kleiner Garten gewesen, aber die böse Hexe hatte die Erde aufgerissen und die braune Kohle aus dem Boden holen lassen. Später hatte sie das Loch in der Erde mit Wasser geflutet. Es sollte wohl ein Teich sein, aber kein Fischlein mochte darin schwimmen und kein Fröschlein an seinen Ufern quaken.
Früh morgens musste Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und den Kohleofen anzünden. »Erst wollen wir backen«, sagte die Alte, »ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.« Sie stieß die arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen »Kriech hinein«, sagte die Hexe, »und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.« Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie’s aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: »Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?« »Dumme Gans«, sagte die Alte, »die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein«, krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste in ihrem eigenen Kohleofen verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zu Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: »Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot!« Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut und sind sich um den Hals gefallen! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. „So viel Geld hat sie verdient, und dabei doch alles um sich herum so scheußlich zu Grunde gerichtet“, sagte Hänsel. „Dörfer hat sie abbaggern lassen, giftigen Rauch in den Himmel geblasen, und dafür bekam sie Perlen und Edelsteine“, klagte Gretel. In Schürze und Taschen nahmen sie mit, was sie tragen konnten, hatten doch ihre Eltern hart für Watafall gearbeitet und immer zu wenig Lohn erhalten.
Als sie ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen die Gegend immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Tagebau gelassen hatte, die Frau aber war an einem Erstickungsanfall gestorben. Gretel schüttelte ihr Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Der Vater war so froh, dass seine Kinder wieder bei ihm waren. Gleich am nächsten Tage erbauten sie gemeinsam Windmühlen, die fortan die Energie einfangen sollten – vom Wind, vom Wind, dem himmlischen Kind.

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