Ende Gelände: Die Kraftwerksbesetzung in der Lausitz – Augenzeugen berichten

FOTO 2a Am Freitag, dem 13. Mai ging es los! Über 3.000 Demonstranten hatten sich während der letzten Tagen im Lausitz Camp versammelt. Punkt zwölf Uhr nahmen drei Gruppen, sogenannte „Finger“ der auf unterschiedlichen Routen Kurs auf den Braukohletagebau „Welzow Süd“.

Die mit weißen Overalls bekleideten Aktivisten des „blauen Fingers“ (eine Erklärung zur Untergliederung und den verschiedenen Gruppen findet sich am Ende des Textes) liefen in Begleitung einer in rosa gekleideten Musikergruppe die Landstraßen entlang.

Bei bester Laune wurden Sprechchöre gerufen „What do we want? – Climate Justic!“ oder „No border – No nation – No coal power station“. Nach 20 Minuten auf der Landstraße bog die unerwartet lange Schlange der Demonstranten auf schmale Waldwege ab.

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Nach den teilweise massiven Zusammenstößen mit der Polizei im letzten Jahr bei ähnlichen Protesten in Rheinischen Braunkohlerevier wollte man dieses Jahr der Polizei möglichst weitflächig ausweichen. Und tatsächlich, ohne jeglichen Kontakt mit der Polizei wurde nach gut eineinhalb Stunden Fußmarsch die Kante der Braunkohlegrube erreicht – eine Mondlandschaft, das Ende kaum sichtbar.

Allerdings nur wenige hundert Meter entfernt ein riesiger Schaufelradbagger der direkt auf dem Braunkohleflöz stand. In der Ferne ein noch weitaus größerer Abraum-Schaufelradbagger, der die Landschaft aufreißt und abbaggert bis die Braunkohleflöze freiliegen.

Nach einer kurzen Beratung, bzw. einem „Delegiertentreffen“ entschied sich ein Teil der Demonstranten noch weiter zum riesigen Abraumbagger zu gehen, andere stiegen in die Grube hinab und begonnen den riesigen Kettenantrieb des Baggers zu erklimmen. Zahlreiche Treppen und Leitern mussten danach noch erklommen werden, um schließlich auf dem Dach des Baggers anzukommen. Transparente, Fahnen und Banner wurden gehisst. Viele legten sich danach einfach in die Sonne und genossen diese erste erfolgreiche Blockadeaktion!

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Die Polizei blieb der Aktion weiter fern – im Vorfeld kursierte die Aussage der Polizei, dass man „nicht der Babysitter von Vattenfall sein“. Entsprechend war nur der Wachschutz von Vattenfall vor Ort, dieser blieb jedoch in „sicherer“ Distanz. Einzig zwei Mitarbeiter von Vattenfall hatten sich freiwillig gemeldet um auf ihren Schaufelradbagger zu beschützen. Die beiden mussten sich freundlichen aber überaus kontroversen Diskutanten stellen.

Nach gut zwei Stunden trat der Großteil der Demonstranten den Rückzug an. Knapp 40 Aktive blieben auf dem Bagger zurück, um diesen dauerhaft d.h. inklusive Übernachtung zu besetzten. Zum offiziellen Ende der Blockadeaktionen war der Schaufelradbagger über 48 Stunden durchgängig besetzt!

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Nach dem Fußmarsch zurück ins Camp wurden die Aktivisten von einem vorzüglichen Mahl der Camp-Küche empfangen. An der Essensausgabe bildeten sich durch die mehreren hundert Demonstranten erneut lange Schlangen. Zum Ende des Camps hatte die Camp-Küche insgesamt über 50.000 Mahlzeiten ausgegeben und mehrere 1.000 Liter Kaffee & Tee gekocht. Hierbei immer von Freiwilligen unterstützt die tonnenweise Kartoffeln, Brote und sonstiges Gemüse schnippelten und hierbei immer nett ins Quatschen kamen.

Nach einem ausgiebigen Abendessen an diesem ersten Aktionstag versammelten sich alle Aktive im großen Zirkuszelt zu einem Plenum, wo die Aktionen für den morgigen Samstag besprochen wurden. Ein riesige „Orangener Finger“ mit weit über 1.000 Demonstranten sollte um acht Uhr aufbrechen, ebenso wie gut 200 Aktivisten auf Fahrrädern. Als letztes, um zehn Uhr würden einige Aktivisten mit dem Bus aufbrechen. Hintergrund war, dass alle drei Gleisstrecken, die das Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ mit Braunkohle versorgen, blockiert werden. Damit mindesten ein Finger die Gleise erreicht, wurden verschieden Routen und Transportmittel gewählt.

Bereits am Nachmittag hatten Aktivisten eine über 800kg schwere Pyramide auf den Gleisen platziert und durch Selbstankettungen die Gleise blockiert. Somit war bereits einer der drei zum Kraftwerk führenden Gleisstrecken blockiert!

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FOTO 4dDer „Fahrrad-Finger“ setzte sich in den Morgenstunden in Bewegung. Begleitet von einem Trike-Rad mit einem strampelnden Fahrer, Lautsprecherboxen und einem Live DJ erreichte man bei bester musikalischer Begleitung (leider) schon nach einstündiger Fahrt das Ziel. Fahrräder abstellen und hinauf auf die Gleise. Ein weiteres Gleis ist besetzt!!
Nach kurzer Diskussion wurde schnell entschlossen, den Gleisen bis zu dem Punkt zu folgen, wo das dieses zweite Gleis und das dritte und damit letzte Zubringergleis eine Kreuzung bildeten. In weniger als einer Stunde Fußmarsch wurde die Kreuzung erreicht. Alle Zubringergleise waren blockiert!

Ab jetzt konnte das Kraftwerk nicht mehr mit neuer Braunkohle versorgt werden!!

 

FOTO 4aNach und nach trafen die Aktivisten der anderen Finger ebenfalls ein. Die busfahrende Gruppe stieg noch etwas näher am Kraftwerk aus und blockierte zusätzlich den Verladebahnhof, wo die Kohle aus den Zügen auf Förderbänder umgeladen und von dort ins Kraftwerk transportiert wird. Die Versorgung des Kraftwerks mit neuer Braunkohle war nun ein Ding der Unmöglichkeit!!

Bereits vor einigen Stunden hatte Vattenfall begonnen, die Leistung des Kraftwerks zu drosseln. Entsprechend stieg aus einem der zwei Kühltürme deutlich sichtbar weniger Dampf auf. Doch nun stellte sich die Frage: Wieviel Kohle hatte Vattenfall direkt am Kraftwerk eingelagert? Wann muss Vattenfall das Kraftwerk tatsächlich komplett herunterfahren? Nach Stunden oder erst nach Tagen? Die Blockade am Verladebahnhof war in der Zwischenzeit von Demonstranten aus anderen Gruppen verstärkt worden. Nach Diskussionen und Beratungen, entschlossen sich 300 Aktivisten auf das Gelände des Kraftwerks vorzudringen. Durch das Betreten und Blockieren des Kraftwerksgeländes von kraftwerksfremden Personen wollte man die Notabschaltung erzwingen.

 

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Nach kurzem Fußmarsch wurde das Kraftwerkstor erreicht und fast spielend überwunden. Auf der anderen Seite standen nur eine halbe Handvoll Personen des Werkschutzes. Nach kurzer Auseinandersetzung mit diesen beruhigt sich die Situation wieder und der Zug folge langsam aber euphorisch der mitgekommenen Samba-Band. Die erste erfolgreiche Kraftwerksbesetzung in Deutschland! Wird das Kraftwerk nun runterfahren und so ein starkes Zeichen für den dringenden Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohleverstromung setzten!?
Doch dann wurde es unruhig. Ein knappes Dutzend Polizeifahrzeuge kamen auf das Gelände, Polizisten in Kampfmontur entstiegen und griffen die Gruppe mit Schlagstöcken und Pfefferspray an. Panik machte sich breit und die Gruppe begann Richtung Ausgang zu fliehen. Über 100 Demonstranten wurden eingekesselt und schließlich in verschieden Haftanstalten verbracht. Zahlreiche Gefangene berichteten hier von massiven Verstößen und nicht rechtskonformer Behandlung durch die Polizei.

Hier ein eindrücklicher Bericht, Link: http://www.jetzt.de/politik/besetzung-eines-kohlekraftwerks-in-der-lausitz

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An den restlichen Blockadepunkten machten sich die Aktivisten wieder auf den Rückweg ins Camp, viele richteten sich jedoch auch für die Übernachtung auf den Gleisen ein. Trotz zusätzlicher Versorgung mit warmen Essen, Isomatten, Schlafsäcken und Decken wurde die Nacht äußerst kalt und man war froh als die Sonne am nächsten Morgen die ersten wärmenden Strahlen sendete. Schon bald erreichten Frühstück und warmer Tee aus dem Camp die Blockierer. Auch viele Aktivisten aus dem Camp machten sich erneut auf den Weg zu den Blockadepunkten, um diese wieder zu verstärken und zu beschützen. Dies insbesondere, da es in der Nacht zu gewalttätigen Angriffen von rechten Gruppen auf die Blockieren gab. Besonders für die ans Gleisbett angeketteten Personen waren diese Angriffe mit extremer Angst verbunden.
Im Camp wurde nach dem Mittag zu einem großen Plenum geladen. Nach einem Überblick zu den bisherigen Aktionen und Blockaden wurde nach längerer Diskussion beschlossen, ab 15 Uhr das offizielle Ende der Massenblockaden zu verkünden, einzelne Blockadeaktionen sollten jedoch selber über die Fortsetzung oder den Abbruch ihrer Blockaden entscheiden.

Tag 2: Kraftwerksflutung:

Bis zum Abend kehrten die meisten der überaus stolzen Aktivisten ins Camp zurück und wurden dort mit riesigem Jubel empfangen. Nach verdienter Erholung versammelten sich alle zum Abschlusstreffen. Der wahnsinnige Erfolg der gemeinsamen Aktionen wurde bejubelt und gefeiert. Alle einzelnen Gruppen, das Küchenteam, die Rechtshilfe, das Presseteam, das Infoteam, die Sanitäter, das Team zur Toilettenreinigung und die gesamte Camp- und Aktionskoordinierung wurde bejubelt!
Zum Abschluss wurde gefeiert, die Band „Herrengedeck“ und DJs ließen das gesamte Camp tanzen. Allerdings wurde diese Abschlussparty jäh unterbrochen. Freiwillige hatten sich für den Wachschutz und Patrouillen um das Camp gemeldet. Jetzt wurde Alarm geschlagen, rechte Gruppen und aggressive Anwohner hatten die Patrouillen angegriffen, eine Frau wurde schwer verletzt und musst ins Krankenhaus gebracht werden. Die alarmierte Polizei – welche zuvor viele Aktivisten verhaftet hatte – bewachte fortan das Camp. Sogar ein Helikopter mit Wärmebildkamera flog zeitweise über dem Camp. Die Gefahr von aggressiven Angriffen wurde überaus ernst genommen.
Nachdem die Nacht gut überstanden war, ging es ans Aufräumen und Abreisen. Mit Bussen, über Mitfahrbörsen oder per Zug reisten die Aktiven ab. Andere räumten das Camp auf, bauten die großen Zelte ab und verluden alles in LKWs.

Interviews:

Das überaus erfolgreiche – ja sogar alle Erwartungen übertreffend erfolgreiches Aktions- und Blockade Camp neigte sich somit seinem Ende entgegen.
Zahlreiche Kamerateams, Journalisten, Radiomoderatoren – selbst die Bild Zeitung war vertreten – und ebenso Medienvertreter aus zahlreichen anderen europäischen Ländern haben über die Aktionen berichtet. Das Pressecho (verlinken , Überblick und Bericht) war gewaltig. Insgesamt über 200 Artikel in Zeitungen, Online-Medien, Radio und Fernsehen (u.a. Tagesschau und ZDF), davon über 40 in der internationalen Presse.
Somit haben die Aktivisten mit Ende Gelände ein weiteres Zeichen für den dringend notwendigen und umgehenden Ausstieg aus der Kohleverstromung war erfolgreich gesetzt!

+++ Braunkohletagebau? NEIN! – HIER IST ENDE GELÄNDE!!! +++

Anmerkung: Der Text ist eine Zusammenfassung verschiedener Augenzeugenberichte, die meisten der Interviewten bestanden auf der Wahrung Ihrer Anonymität. Um diesem Wunsch zu entsprechen und dennoch einen flüssigen und gut verständlichen Text zu produzieren wurden die einzelen Berichte in einer einheitlichen unbestimmten Erzählperspektive wiedergegeben.

VIDEOs
Tag 1: Besetzung Braunkohletagebau
https://www.youtube.com/watch?v=XqZNllp1wQA (Grube)

Tag 2: Gleisblockade

Presseecho:
Quelle: https://www.ende-gelaende.org/de/presse/pressespiegel/

Untergliederung und Entscheidungsfindung unter den Aktivisten
Buddies – Bezugsgruppen – Delegiertentreffen – Finger
Um die gleichberechtigte Entscheidungsfindung und die Koordination der großen Masse von Aktivisten zu ermöglichen wurde ein sog. Bezugsgruppen und Delegiertensystem benutzt.
Hierbei finden sich zunächst zwei sich vertrauende Menschen zusammen und bilden ein sog. Buddy-Paar. Drei bis acht „Buddies“ schließen sich daraufhin zu einer sog. Bezugsgruppe zusammen. Nahezu beliebig viele Bezugsgruppen schließen sich wiederum zu einem sogenannten „Finger“ zusammen. Die gesamte Masse der Aktivisten wird oft in verschiedene Finger unterteilt, z.B. „blauer Finger“ oder „orangener Finger“. Je nach Farbe werden entsprechend farbige Fahren geschwenkt an denen sich alle Mitglieder des Fingers orientieren und folgen.
Die Buddies und Bezugsgruppen bleiben besonders in gefährlicheren Momenten zusammen (z.B. bei den Angriffen durch rechte Gruppen oder bei Zusammenstößen mit der Polizei). Insbesondere die „Buddies“ helfen und unterstützen sich gegenseitig und trennen sich nach Möglichkeit nie.
Für die gleichberechtigte und demokratische Entscheidungsfindung wählt jede Bezugsgruppe einen Delegierten, der sich mit allen anderen Delegierten zu einem sogenannten Delegiertentreffen zusammenkommt. Hier werden verschiedene Optionen für das weitere Vorgehen vorgetragen (Wohin soll der Finger gehen? Sollen diese Gleise besetzt werden oder ein anderer Punkt gesucht werden? Etc.). Die Delegierten tagen die Vorschläge wiederum in die Bezugsgruppen, hier wird erneut diskutiert und das Ergebnis durch den jeweiligen Delegierten wieder ins Delegiertenplenum übermittelt, wo schließlich eine Entscheidung getroffen wird.

 

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